M is for mother – Louise Bourgeois

M is for Mother, Louise Bourgeois, 1998

Eine darf nicht fehlen, wenn es um Mutterbilder geht. Weil sich kaum eine so ausdrucksstark, aufrichtig und ausführlich mit der eigenen Mutter, aber auch der eigenen Mutterrolle auseinander gesetzt hat, wie Louise Bourgeois.

Da war ich nun, eine Frau und Mutter, und ich fürchtete mich vor meiner Familie. Ich fürchtete mich davor, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Meine Mutter hatte ihre Rolle verstanden und fürchtete sich nicht vor den Ansprüchen. Ich verstand meine Rolle nicht, und ich fürchtete mich davor, sie nicht gut genug zu spielen.

Du brauchst eine Mutter. Das weiß ich, aber ich weigere mich, deine Mutter zu sein, weil ich selbst eine Mutter brauche.“

Louise Bourgeois

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04 Sprachlose Mutterschaft

Jeden Tag geht ein Mädchen durch eine Zechenhaussiedlung im Ruhrgebiet und holt den Vater von der Arbeit. Sie wartet am Tor, im kleinen Laden daneben schenkt man ihr immer einen Lutscher. Wenn sie den Papa holt hat Mama schon das Essen auf dem Küchentisch zu Hause und der Geruch von China-Öl vermischt sich mit dem von Essen. Auf ihrem Rücken hat sie oft noch die schwere Ledermappe mit dem angebundenen Tafelschwamm, die Mutter hetzt, dass das Essen kalt wird und die Kleinen quengeln, da bleibt keine Zeit die Mappe abzusetzen wenn sie aus der Schule heim kommt. Bei anderen Kindern ist das auch so.

Eine Legende will, dass es ein Grubenunglück gab, dem der Vater nur durch den Zufall einer getauschten Schicht entkommen konnte. Andere Kinder haben jetzt keinen Papa mehr.

Nur sind an dem Tor keine anderen Kinder. Jungen schon, aber nicht Kinder. Niemand zum Glanzbilderstechen oder Kästchenhüpfen. Nur sie zum Warten und Lolli essen. Es ist langweilig, aber sie ist die Große, geht schon zur Schule und sie ist ein Mädchen.

Vor allem ist sie Deutsch. Das ist der Vater zwar auch, aber irgendwie auch nicht. Rumänien ist ein anderes Land und Transsylvanien, ja, da kann man gruselige Geschichten über den lustigen Nachnamen ausdenken. Auch wenn wahrscheinlich keine stimmt.

Und die Mutter ist Deutsch. So deutsch, dass sie in Deutschland geboren ist. Also sind beide Eltern deutsch und die Kinder auch Deutsche. Auch wenn der Papa und ein Bruder nicht deutsch aussehen. Die Rumänen sind böse, und haben einen Diktator und der Vater kann gar kein Rumänisch. Paselakkensprache, so!

Das mit dem anderen Diktator, dem, der aus Deutschland kam, das sagt man nicht. Der Papa musste, aber das versteht keiner. Und darüber redet man auch nicht. Erst als das Mädchen erwachsen ist wird sie eine seltsam-eigentümliche Art des Stolzes dafür haben, dass ihr Vater bei der SS war. Der konnte nichts dafür, der musste ja. Er war auch noch jung.

In der Familie redet man darüber nicht. Man redet überhaupt nicht. Man ist nie sauer oder traurig, auch nicht fröhlich oder jauchzend, man ist da und kümmert sich um Mama. Die Mutter sitzt seit Jahren in Kittelschürze auf einem Küchenstuhl, ist immer krank und muss bedient werden. Das Mädchen ist glücklich wenn sie glücklich ist.

Aber irgendwas stimmt nicht. Egal was sie macht und wie gut, es kommt keine Reaktion. Gar nichts. Nur Ansprüche- Und immer an sie. Das darf man nicht denken.

Deshalb heiratet sie. Dann ist sie da weg und außerdem heiratet sie „reich“ und woanders hin. Der Mann ist gerade 18 und wie ein Kind. Dessen Mutter ist ein Ekel. Die findet nicht, dass eine Frau nur am Herd stehen muss, und dass Kinder da sind um die Eltern zu bedienen, außerdem hat sie eine komische Schwester, die hat einen schwulen Sohn und zeigt ihn trotz §175 nicht an. Dann ist da im Freundeskreis vom Mann noch der Typ, der seine Cousine geheiratet und mit ihr einen Sohn hat.

Sie hat niemanden zum Reden, weil sie nur gelernt hat wie man anderen gefällt. Deshalb geht sie zur Mutter, aber an der prallt das ab. Die interessiert es auch nicht, dass sie schwanger wird und dass kaum ein halbes Jahr nachdem das Kind zur Welt kommt die Freundin des einen Bruders auch eine Tochter bekommt. Die Kinder sind da. Der Vater mag das erste Baby, er wird später sagen, es ist die Lieblingsenkelin obwohl man sich kaum kennt. Der Mutter gefällt keins der Kinder.

Die Mutter besucht sie nie zu Hause in der teuren, großen schönen Wohnung weit weg. Das Kind darf auch als Erwachsene nicht erwähnen, dass die Mutter, des Kindes Oma, nie von irgendwem außerhalb der Wohnung, nie bei irgendeiner Aktivität gesehen wurde. Die Geschwister verweigern sich. Eine Schwester, noch weniger lebenserfahren als das Mädchen, wohnt bis zum vierzigsten Lebensjahr bei der Mutter in einem Zimmer mit einem Teppich mit großem Rosenmuster und rosa gesteppter Bettdecke. Die Mutter sagt „Die ist doch da“, die Schwester „Ich kann doch nicht weg“.

Das Mädchen möchte der Mutter gefallen, noch immer und endlich und nimmt ihr dieses ab und jenes. Das ist Mutterschaft für sie. So soll ihre Tochter auch einmal werden. Geredet wird nie.

Gegenüber ihren Kindern ist sie aggressiv und gewalttätig, lässt Missbrauch und Gewalt durch andere an den Kindern zu, weil es nicht sie betrifft und sie nichts dafür oder dagegen kann. Deckt den Ehemann, der für sie wie ein großes Kind ist, dem sie alles durchgehen lässt und den sie gleichzeitig an kurzer Leine hält, bei Straftaten.

So etwas gibt es bei uns nicht. Aus dem Kumpelmillieu in das, was ihr fast als die High Society erscheinen muss. Man wird auf der Straße erkannt.

Sie ändert sich auch nicht als sich das Erkennen in Fingerzeige und Getuschel wendet, weil manche Taten unabänderliche Fakten schaffen.

So wie die Kinder des Kumpels beim Grubenunglück keinen Papa mehr haben, haben ein Papa und eine Mama wegen dem Ehemann keine Tochter mehr.

Sie denkt nicht darüber nach, dass auch sie irgendwie keine hat, wenn sie unkommentiert zulässt, dass ihr Mann vor dem Gericht einen Deal erwirken kann weil die eigene Tochter behindert und er damit genug gestraft ist.

Sie lässt vieles zu an ihren Kindern, das bedeuten muss, dass sie keine Mutter ist, weil die Kinder sich von ihr lossagen müssten. Die Tochter geht, der Sohn entwickelt eine ähnliche Beziehung zu ihr wie ihre Schwester zur Mutter hat.

Dann geht der Mann.

Weil die Kinder sich darüber freuen und der Sohn sich darüber beschwert als zwölfjähriger Junge Kinderbadeschaum zu Weihnachten zu bekommen will sie sterben.

Sie nimmt die Tabletten nicht.

Sieben Jahre später, sie hat einen neuen Mann gefunden, stirbt ihr Vater. Erhängt in seinem Garten. Angekündigt und trotzdem aus der Psychiatrie entlassen.

Die Lieblingsenkelin, ihr erstes Kind, wird nicht zur Beerdigung eingeladen. Es könnte peinlich sein, dass gerade die so weit im Leben gekommen ist. Eine Frau hat Kleider zu tragen, zu heiraten, die Beine breit zu machen und zu Hause zu bleiben.

Die zweite Ehe wird der Versorgung halber geschlossen. Auch hier die vergebliche Rolle als Ersatzmutter. Der neue Mann ist der Sohn eines Missbrauchsopfers und wie ihr erster Mann Trinker. Mit denen kann man herrlich streiten und hat niemals Schuld. Außerdem kann man diesen hier fertig machen. Das tut ihr gut.

Losgelassen hat sie ihren ersten Mann nicht. Noch bis kurz vor der Hochzeit hängt das Hochzeitsbild von damals im Flur. Dass die Tochter das makaber findet zeigt nur, dass die Tochter kein richtiger Mensch ist. Die kümmert sich nicht um die Mutter und sie hat keine Kinder.

Streit, Verleumdung, Ausplaudern von Privatestem. Sie wundert sich, dass ihr keiner vertraut. Versteht nicht warum die Kinder sagen, sie wollen keine Intimgeschichten hören und man kann auch miteinander reden ohne sich gleich anzugreifen. Wem außer den Kindern soll man das denn erzählen?

Irgendwann sagt der neue Mann, er akzeptiert ihr Verhalten nicht mehr. Sie schreit zurück, dass sie nicht akzeptiert, dass er Alkoholiker ist.

Die Tochter weist darauf hin, dass sie sich doch entschieden hat diesen Menschen zu heiraten. Es war keine Zwangsehe und sie wusste auf wen sie sich einlässt.

Sie friert ein.

Sie ist enttäuscht. Verantwortung für ihre Entscheidungen ist etwas, das sie nicht übernehmen will. Das hat die Mutter früher auch nicht getan. Das war eben so und man redet nicht. Sie will, dass alles so ist wie sie es von der Mutter kennt. Die war nie an etwas Schuld. Warum sind es bei ihr nie die anderen? Was macht sie falsch, dass ihre Fehler auf sie zurückfallen?

Die Wut, die sie beim Nachdenken darüber fühlt darf sie nicht artikulieren. Man darf den Eltern keine Verantwortung für irgendwas zuschreiben. Das macht man nicht. Das geht nicht. Man ist doch gebunden.

Das Mädchen, das damals seinen Vater von der Zeche holen ging hat keine Chance mehr darüber nachzudenken ob es nicht doch Alternativen gibt.

Die Mutter stirbt in einem Krankenwagen auf dem Weg zur Klinik. Einer der Söhne, der einzige der Geschwister zu dem das Mädchen Kontakt hält, fährt dem Krankenwagen in einem Auto mit dem Kennzeichen einer Ruhrgebietsstadt hinterher. Er wurde Bergmann wie der Vater. Im Kofferraum hat er eine Tasche mit den Sachen der Mutter.

Einen Tag später schenkt das Mädchen der Tochter das Armband, das sie zuletzt von der Mutter bekommen hat. Die Tochter trägt keinen Schmuck, aber in einer Familie, in der nicht gesprochen wird ist das Kommunikation.

Zwei Monate später steht im Wohnzimmer ein großes Bild der Mutter von Anfang der fünfziger Jahre. Es ist alles, was ihr sagt, dass sie da ist.

Dergl