M is for mother – Louise Bourgeois

M is for Mother, Louise Bourgeois, 1998

Eine darf nicht fehlen, wenn es um Mutterbilder geht. Weil sich kaum eine so ausdrucksstark, aufrichtig und ausführlich mit der eigenen Mutter, aber auch der eigenen Mutterrolle auseinander gesetzt hat, wie Louise Bourgeois.

Da war ich nun, eine Frau und Mutter, und ich fürchtete mich vor meiner Familie. Ich fürchtete mich davor, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Meine Mutter hatte ihre Rolle verstanden und fürchtete sich nicht vor den Ansprüchen. Ich verstand meine Rolle nicht, und ich fürchtete mich davor, sie nicht gut genug zu spielen.

Du brauchst eine Mutter. Das weiß ich, aber ich weigere mich, deine Mutter zu sein, weil ich selbst eine Mutter brauche.“

Louise Bourgeois

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22 MAMA MIA

Stets wohl zu Haus in Dir,

warst Du mir zumeist fern –

die Zuwegung zu Dir früh schon verbaut

durch das Gedankenfutter

Deiner beachtlichen Bücherberge,

wohl geordnet um Dich wild getürmt,

das hiesige Tor zu Deinem Ohr jedoch

kaum außerhalb täglicher Sprechstunde

geöffnet zur Klärung schulischer Fragen.

Im Zauberreich unvergesslicher

Kinderseligkeiten von Hefeklößen,,

Zimtmilchreis, seelentröstender Schokocreme

fand ich Dich zugänglicher

zwischen rühren und abschmecken

mit einem Löffel voller feinster Vanillesoße

nur für mich – alle drei Wochen aber

noch köstlicher das gemeinsame Abarbeiten

verschmutzter familiärer Geschirrberge

bei gleichzeitiger Durchdringung

meiner weitschweifig kindlichen Fragen

über Gott und die Welt hier ganz bei Dir,

fand ich Dich in kühnen Gedankengängen, auch

im Festhalten kruder, erdbrauner Glaubenssätze,

fand ich mich: aufsaugend, zunehmend heftig reibend.

Und wenn auch die Zugbrücke zu Dir

stracks hochklappte bei jeglicher Andeutung

von Mißmut, Mißachtung, gar offenem Widerstand,

ich mich in Deinem schmallippigen Schweigen mitunter verlor,

fand ich Dich in all Deinen Herzenszettelchen

mit allerliebsten, bunt gemalten Grüßen,

viel mehr noch im besonderen Geschenk

eines Lächelns sparsamer Zärtlichkeit,

doch auch in sorgend liebevoller Nähe.

Und wenn die lebenslang leidenschaftlichen

Selbstentzündungen Deines Feuerwerks eigener

Klänge, Wortmelodien, Seins- und Sinngewissheiten wie

auch Dein nachspürendes Auf-, empörtes Nieder-Schreiben

Dich zu Deinem Ende in zunehmend düstere Irrgärten

eintauchen, zusehends entschwinden ließen,

fand ich Dich – festlich final geerdet – schließlich

in Deinem Grabspruch wieder,

in dem, was Deins war und des Lebens

in brausenden Winden, dem Schneegeglitzer,

Vogelkreisen, Sommersonne und Abendstern –

und damit vom Leben warm getragen.

Und heute noch find ich Dich wieder, gelegentlich –

in Wiedergängern mütterlicher Schreckgespenster,

aber auch mit Deinen mütterlichen Schätzen – in mir!

21 Als Tochter – Ulli

– 1 –

„An alles Gekochte gehört Salz.“ Ich nahm den Satz, schloss die Tür und ging in mein Leben. Kein Hut. Hofkind, Schlüsselkind, Bahndamm-Kellerkind, Straßenkind, Glück gehabt. Mutter? Manchmal. Traurige Geschichten, heimelige Geschichten, einsame Geschichten, zum Rücken erzählte Geschichten, Geschichten vom Verstehen sollen und Nichtkönnen, zu klein. Mutter? Schwer. So viele Lasten und Bürden, so viel Krieg, Flucht und Trauma, so viel Moral, so viele Gummikorsetts und Diäten, so gefangen. Viel Groll, viel Neid, viel Ilsebill und so viel Angst, vor Krähen, vor Käuzchenrufe in den Nacht, vor den Russen, vor sich selbst, vor mir. Angst frisst Liebe.

– 2 –

Mutter, Mutter wie weit darf ich reisen? Mutter?

Wenn du Walzer getanzt hast, wenn ein verschmitztes Lächeln über dein Gesicht gehuscht ist, wenn du unerwartet solidarisch warst…

Später, wenn wir am Telefon von Frau zu Frau geredet haben, hatten wir einen Ort gefunden.

– 3 –

Plötzlich habe ich keine Geduld mehr den fehlenden Text zu suchen, den über den jugendlichen Ring am alt gewordenen Finger. Wie er mich irritierte und gleichzeitig freute. Du hattest dir noch einmal etwas gegönnt, um dich zu schmücken, das Stundenglas rieselte deinem Ende entgegen. Du wolltest nie über das Sterben reden. Ich ließ es. Du starbst allein. Du wurdest anonym begraben, das war dein letzter Stachel.

Ich habe keine Geduld mehr dich wieder und wieder in mir zu wenden. Gut zu reden, was für das Mädchen schlecht war. Ich habe auch keine Zeit mehr. Ich tröste das Mädchen, die Heranwachsende, die junge Erwachsene, ich, die Alte.

Manche Mütter tun ihren Töchtern nicht gut. Du hast mir nicht gut getan, warum es verschweigen? Ich verwandelte meine Tränen in Zornesblicke, in Trotz und Wegsein. Ich war Zauberin und Meisterin der Tarnumhänge. Du wusstest immer den Moment zu erwischen, in dem ich ungeschützt Zärtlichkeit empfand. Und alles nur, weil ich nicht so war, nicht so ein zuckersüßes Puppenmädchen, wie du es dir gewünscht hast.

„Lass sie gehen, sie gehört nicht zu uns“, als ob das weniger schmerzhaft wäre.

Ich verdanke dir mein Leben. Ich danke dir für mein großes, buntes Leben. Ich konnte an deiner Ablehnung wachsen.

– 4 –

Habe ich getrauert? Ich saß bei prasselndem Regen vor einem Bahnhof im Auto. Der Zug meiner Freundin kam eine Stunde später. Viel Zeit. Es stellte sich mir die Frage plötzlich, unerwartet und ohne Vorgeschichte.

Die Erinnerung ist ein Standbild ohne Ton.

Das Telefon hatte geklingelt, M., mein Neffe, rief mich an:

„Die Omma ist tot.“ Die Omma war meine Mutter. Es wurde still. Ich weiß noch, dass M. mir das Wie und Wann erzählte, dass ich ihm Fragen stellte und seine beantwortete, aber ich finde das Gespräch nicht mehr in mir. Ich höre keinen Ton.

Danach saß ich auf der Treppe vor dem Haus, schaute über das Hochtal, über die Alpen bis in den Himmel und zurück, tagelang. Eingefrorene Stille, bis am Abend das Käuzchen rief. Mutter hatte bei seinem Ruf immer gesagt: „Jetzt ist jemand gestorben.“

Ich sagte an diesem Abend: „Mutter, es ist gut, ruhe in Frieden.“

Mutter ist tot. Neun Jahre schon, und ich weiß nicht, ob ich getrauert habe.

Irgendwann bin ich von den Treppenstufen aufgestanden, hörte wieder den Bach rauschen und die Kirchenglocken ihren Viertelstundentakt schlagen. Ich nickte und bin ins Haus gegangen. Es war vorbei. Ich habe nicht geweint, es gab nur Stille und die Worte am Abend:

„Ruhe in Frieden.“

Das Käuzchen war verstummt.

Ulli Gau 

19 Brief an die Mutter

Als du mich auf die Welt gebracht, da warn die Hände schon längst schwielig, der Rücken nur aus Altersgründen noch nicht krumm. Leicht war es nie, dein Leben, doch hast selten du’s nur schwer genommen, hast alles das gemeistert, woran heute so mancher schnell zerbräche. „Der MUSS, der ist ein harter Herr“, das ist dein Mantra, das war die Peitsche, die dich trieb. Denn immer war das Wohl der anderen – nicht nur der Kinder und des Mannes – dein Werk, der Ausdruck deiner Liebe, die alle wir im Herzen tragen.
Nun ist das Ein-Sam deiner Herr. Töricht war ich, als ich glaubte, dass mehr Ruhe dir beschert und dass dein Herz nun traurig zwar – doch sorgenfreier – deinen Tag durchtaktet. Hatte ich doch so gehofft, dass wenn du deine Stunden selbst bestimmst, sie mehr Freude dir bereiten. Doch sorgst du dich im Ungewiss, aus Angst vorm eigenen Krank, ums Wohl des einen, der das Meiste für dich tut.
So wisse wohl, dass wir alle dich auf Händen tragen, ein jeder so, wie er es kann; dass keiner deiner Lieben weder ihm noch dir den Rücken drehte, dass nicht nur im Wissen um das Viele, das du für uns getan, sondern aus der Liebe, die du in uns pflanztest, wir mit Freude einsteh’n für alles was du brauchst.

Für meine Mutter, die am 4. August 2016 starb.

 

(Beatrix Brockman)

17 Falsches Heimweh

Die Füße stecken in Schuhen, die klappern. Das Klappern kontrolliert die Zimmer. Es geht die Treppe hoch und geht die Treppe hinunter. Manchmal sitzt das Klappern am Schreibtisch. Dann klappert die Schreibmaschine. Die Schreibmaschine hat Zähne, die hoch und runter klappern, und eine Zunge aus Papier. Die Schreibmaschine ist ein großes Maul, das alles frisst. Und auch die Rechenmaschine streckt die Zunge heraus, eine Zunge, die immer länger wird, je mehr Rechnungen auf dem Schreibtisch liegen. Manchmal steht das Klappern in der Küche, und auch die Töpfe und Teller klappern, und es riecht nach gebratenen Zwiebeln oder nach Ei oder Fleisch. Und manchmal steht das Klappern im Bad ohne Fenster, malt die Lippen rot und kämmt sich und eilt nach draußen und kommt mit Tüten und Körben voller Wäsche zurück.

Es ist besser, das Klappern nicht zu stören, denkt das Kind, denn das Klappern muss stetig weiter klappern. Es folgt einem genauen Plan, und der darf nicht angehalten werden, denn wenn er angehalten würde, käme der Plan durcheinander oder, es wäre, noch schlimmer, plötzlich still, und wenn es still wäre, wäre das Klappern vielleicht nichts mehr oder niemand, oder es wäre tot.

Das Klappern ist tapfer und hasst Tränen, auch eigene, welche aus den Augen in die Nase und dann in die Mundwinkel tropfen, und es hasst herunterhängende Kindergesichter. Das Gesicht des Kindes hängt schon seit Tagen herunter. Es hängt wie nasse, schlaffe Wäsche, die nicht trocknen will, und tropft. Das Klappern will das nicht, es will, dass alles klappt. Problemlos. Punkt. Es will kein Kind, das nichts tut und in die Leere blickt und Bildern mit Himbeerstauden, mit braunen Locken, braun wie Gartenerde, mit Deckenbergen und warmen, hageren Händen nachhängt und Anis riecht und das Haus hinter dem Bach festhalten möchte und dabei in die Luft greift und dessen Hals eng wird, bis Tränen in die Nase und in die Mundwinkel tropfen.

Das Klappern schimpft, du liebst mich nicht, und beklagt sich bei Herrn Gott über das undankbare Kind, welches das falsche Heimweh nach der falschen Person in der falschen Seele trägt.

Unter Herrn Gottes strengem Feldstecherblick wird das Kind biegsam wie ein Radiergummi und radiert das falsche Heimweh aus der Seele aus. Die Seele wird weiß wie die Augen der Engel und stört von nun an weder Herrn Gott noch das Klappern.

Elisabeth Masé – Auszug aus dem unveröffentlichten Roman „Krötenhaut“

12 Und es gibt sie doch: Schutzengel

Ganz grundsätzlich würde ich behaupten von meinen Eltern im christlichen Sinne erzogen worden zu sein. Der Glaube an eine „höhere Gewalt“ wurde mir schon früh und durchaus glaubhaft vermittelt.

Aber erst seit ein paar Jahren ist mein Glaube als absolut gefestigt zu bezeichnen. Unerschütterlich steht für mich fest: ES GIBT SCHUTZENGEL IN DETMOLD!

Anders ist für mich die stabile Anzahl von Schülern auf dem Grabbe Gymnasium nicht zu erklären.

Seit August 2008 ist mein Sohn stolzer „Grabbianer“.

Um dem Kind einen möglichst angenehmen Schulweg zu ermöglichen, zogen wir schon vor dem Wechsel an die weiterführende Schule, in unmittelbare Nähe des Detmolder Grabbe Gymnasiums.

Keine 10 Min. Fußweg! Nur 800m und eine große, übersichtliche Ampelkreuzung trennen meinen Sohn von der Schule unserer Wahl.

Perfekt….dachte ich…

Um meinem Kind, zumindest in der ersten Zeit, den Weg zur Schule zu erleichtern, brachte ich ihn (so war das zumindest ursprünglich geplant…) zu Fuß zur Schule.

Schon damals im August, bei allerbesten Lichtverhältnissen, schien mir die morgendliche Verkehrssituation gelegentlich recht brisant.

Aber durch beherztes und reaktionsschnelles Ausweichen vor den, bergab ganz beachtlich schnellen, Fahrradfahrern, auf sich anbietende kleine Mauervorsprünge und in schnell erreichbare Hauseinfahrten, konnte man diesen morgendlichen Expeditionen einen gewissen wachmachenden Adrenalinkick nicht absprechen.

Unter guten klimatischen Voraussetzungen, ausgeschlafen und im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Reflexe, erschien es mir zu diesem Zeitpunkt (Hochsommer!!) durchaus realistisch, dass mein Sohn den Schulweg bald alleine meistern könnte.

Nichtsdestotrotz entschied ich mich, natürlich nur vorläufig, sicherheitshalber den Weg zur Schule mit meinem ja ohnehin fälligen Morgenspaziergang der Hunde zu verknüpfen.

Mit zunehmender morgendlicher Dunkelheit, und nach einigen sehr unerfreulichen Abenteuern beschlossen wir den Schulweg lieber vorläufig mit meiner Autofahrt zur Arbeitstelle zu verbinden. Natürlich nur vorübergehend…..das war 2008 …und weil es ja auch „auf dem Weg“ liegt….

Inzwischen (Wir schreiben das Jahr 2014…) gestaltet sich die Abfahrt zur Schule nach einem streng festgelegten Regelwerk und ist natürlich absolut routiniert. Die kurze Strecke ist dadurch inzwischen definitiv angstfreier, wenn auch nicht unbedingt stressfreier geworden.

Der genaue Ablauf sieht folgendermaßen aus:

Vor dem Starten des Motors überprüfen wir kurz den Verbandskasten auf seine Vollständigkeit und gehen noch mal einige elementare Handgriffe der Ersten Hilfe am Unfallort durch.

Dann rollen wir langsam aus der Einfahrt und versuchen, bis heute erfolgreich, bis kurz vor der Schule den anderen Schülern des Grabbe Gymnasiums und der anderen umliegenden Schule auszuweichen.

Mein Sohn und ich sind mittlerweile ein gut eingespieltes Team. Während ich mich auf die verschlafenen Fußgänger konzentriere, warnt er mich vor den (von links überholenden!!) unbeleuchteten Fahrradfahrern.

Aber kurz vor der Schule müssen wir wirklich zu höchst Form auflaufen.

Denn nun wird die Situation richtig kritisch: Jetzt kommen nämlich (es sei mir als Frau verziehen) MÜTTER hinzu, die (vielleicht aus ähnlichen Beweggründen wie ich??) ihre Kinder zur Schule bringen.

Ein „Komplett-Ignorieren“ der dort in der Seminarstraße herrschenden RECHT-VOR-LINKS Verkehrsregel, gehört nur zu den Kleinigkeiten. Da dies auch AUSNAHMSLOS alle   Fahrradfahrer so halten, gehört das eigentlich zu den wirklich gut zu kalkulierenden Risiken.

Richtig spannend wird es dadurch, dass besonders eilige Angehörige regelmäßig auf der ohnehin engen und beidseitig zugeparkten Straße vor der Schule IN ZWEITER REIHE PARKEN.

Unglaublich aber wahr, auch das ist morgens um 7.30 h in der Seminarstraße noch zu toppen. Diverse Eltern, die nach der Ablieferung ihrer eigenen Sprösslinge schnell noch für die eigene Frühstückspause etwas Leckeres einkaufen möchten, parken nun ihre Autos schnell vor der nahgelegenen Bäckerei „Engel“. AUF dem Fahrradweg!!!

Wenn wir es dann an der, wie kann es anders sein, ZUGEPARKTEN Feuerwehreinfahrt der Schule vorbeigeschafft haben und einen völlig legalen und sicheren Parkplatz in der Nebenstrasse gefunden haben, werden wir selber auch kurz zum Risikofaktor, da mein Kind dann stets die Beifahrertür aufreißt und seine komplette Schulausrüstung, völlig unselektiert, auf den Gehweg feuert.

Schweißgebadet, aber auch irgendwie stolz, fahre ich im Schritttempo die Strecke sicherheitshalber noch mal ab, um nach verletzten Überlebenden Ausschau zu halten.

Um die Weihnachtszeit herum dachte ich morgens tatsächlich schon mehrfach ein sichtlich angespanntes und nervös mit den Flügel schlagendes „Flugobjekt“ direkt über dem Gymnasium schweben zu sehen…. Aber, wie lange kann das EIN Schutzengel alleine das noch schaffen?

 

Sofie