23 Drei Texte zum Bild eines Menschen – Matthias Bronisch

CONTERFEY

der erbaren, vormalen von überhäuffter Last und viel grau- sam Beschwerden gepeinigt, späterhin in sonniger Gefild ein ruhiger Leben und Taglauff genießend, FRAU MUTTER, nachmalen WITTIB Martha Bronski.

JA! (werdet ihr sagen) wer solte wol gemeint haben, daß ich mich einmal möchte unterstehen, sie, derer Le-ben nun währet, als der Psalmist ein reich Leben rechnet, abzucon-terfeyen, abzumalen ihr Gestalt und Charakter? Aber was wollt davor seyn? Such ich sie doch, werd sie (so Gott hülfreich ist) wol auch finden,daß ihr Bild recht gelinge und gerecht sey dem Originale. Ihr Haar ist weiß, von Alter und von Sorgen umb ihrer Kinder willen, ihr Antlitz schmal, doch merket man ein hoch und breit Stirn, glatt und in solchem Bogen, daß die Augen tieff darunter in Höhlen Schutz suchen gegen Unbill, die die Stirn muß abwehren. Die Wölbungen der Augenbogen stützt die schmale und schlanke Säul der Nase derer basis die schmale Linie der Lippen zu seyen scheint. Ein Bogen das Kinn, nicht breit nicht schmal, gibt Antwort der Stirn, wann er möcht sagen: ich trotz dem Unbill; wann er möcht sagen: ich geb nach. Und alles ru-het und ist bereit sich umbzuwenden gegen das, was dreut, auch zuzuwenden mit den Augen, vor-sichtig im Schutz der Stirn, daß nicht ein wendisch Glück hineinfahr und

das Innerste erschütter, die wehrhaft Stirn einreiß und zusammenstürtze der Bau, den zu erhalten ihr Sinnenund Bestreben ist. Und dieses Haubt nun, Umlot von weißer Flamme, seitwerts züngelnd, erhebt sich über einem corpus (wie die leichte Flamme über dem schweren,wächsern Leib der Kertze), noch immer kräf tig, doch schon behä-biger,dem Kopfe wider spre chend in dessen Wendigkeit und Helle. Sitzt sie (doch ruht sie sel ten), so liegen die Hände ineinander und die Augensehen darauf, dann mag sie sich wol Rechenschafft geben von ihrem Thun und Lassen, genaue Re-chenschafft, damit nicht fehle, was in die ein oder ander Waagschal falle. Vielleicht auch gedencket sie ihres gantzen Lebens-Lauffes, und hoffet, er möchte Gnad finden und sie ein wenig Hoffnung fassen ob dessen, was da kommen wird. Fragt ihr sie, wie sie ihr Lebtag gewesen, sie möcht wol schweigen, denn sollt sie auch sicher seyn, weiß sie doch, welch wendisch Wesen das Glück, und was es noch bereit kann halten auff den letzten Schritten.

Bekenntnisse einer bürgerlichen Seele

Bis in mein achtzehntes Lebensjahr war ich als jüngste von vier Geschwistern der Liebling meines Vaters, der mir auf langen Spaziergängen Blumen und Kräuter, ja die Natur im großen und ihr Leben im Kleinen erklärte, sogar – er war Apotheker – mit lateinischem Namen nannte, dergestalt, daß ich bald auf den Wiesen und in den Wäldern mich leichter zurechtfand als in der mensch‑

lichen Gesellschaft.

Dann verließ ich das elterliche Haus und ging von B., einem stillen Flecken an den sanften Hängen des Wiehengebirges, nach Dresden, wo ich als Kinderschwester eine Tätigkeit zu erlernen hoffte, die meiner immer stärker aufkommenden Liebe zu den Menschen, vor allem den jungen, hilflosen ein rechtes Objekt böte.

Doch die Zeit war voller heftigster Veränderungen in den 30er Jahren, und ich lernte, daß es des Menschen Natur ist, sich in das Veränderte zu finden. Und ich fand mich in einer Moorbauernkate unter einfachen Menschen, deren Verhältnisse so ganz anders waren als die, in denen ich die Welt und die menschliche Gesellschaft kennengelernt hatte.

Die Kinderwelt blieb hinter mir zurück, und ich erlebte und durchlebte in der Arbeit den Dienst am Menschen und im Dienst die Arbeit für den Menschen und erkannte aufs Lebhafteste, dass ich der neuen Zeit gehörte.

Witwe Bronski

Sie ist siebzig, weißhaarig und in den Gesichtszügen hat sich ein arbeitsrei­ches Leben eingegraben. Ihre Gestalt ist noch immer kräftig, wenn auch der Gang schon schwerfällig und mühsam.

Mit dreißig Jahren verlor sie ihren Mann, mit dem sie schon die sechs Jah­re, die er gleich nach ihrer Heirat in den Krieg mußte, nur noch selten zu­sammen sein konnte. Danach blieb sie mit ihrer Arbeit für die fünf Kinder allein.

Die ersten Jahre hielt sie manchmal in der Arbeit inne, als hätte sie Schrit­te gehört, dann erlosch auch diese Hoffnung, und sie flüchtete sich in den Dampf der Waschkessel oder vergrub sich hinter Näharbeiten. Im Jahre 1953 erhielt sie durch ein Schreiben der Friedhofsverwaltung Horn in Niederösterreich die endgültige Gewißheit, daß sie allein war.

Ausweis:
27.7.1914
Bad Essen
165
oval
blau
keine
Personalnummer:
L9M127W69

 

[bei den hier vorliegenden Texten handelt es sich um einen Auszug aus der Foto- Text – Mappe „Mensch und Erkenntnis, die 1984 als Gemeinschaftsarbeit von Karl-Martin Holzhäuser (Fotos) und Matthias Bronisch, (Texte), entstanden ist. ]

 

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