12 Und es gibt sie doch: Schutzengel

Ganz grundsätzlich würde ich behaupten von meinen Eltern im christlichen Sinne erzogen worden zu sein. Der Glaube an eine „höhere Gewalt“ wurde mir schon früh und durchaus glaubhaft vermittelt.

Aber erst seit ein paar Jahren ist mein Glaube als absolut gefestigt zu bezeichnen. Unerschütterlich steht für mich fest: ES GIBT SCHUTZENGEL IN DETMOLD!

Anders ist für mich die stabile Anzahl von Schülern auf dem Grabbe Gymnasium nicht zu erklären.

Seit August 2008 ist mein Sohn stolzer „Grabbianer“.

Um dem Kind einen möglichst angenehmen Schulweg zu ermöglichen, zogen wir schon vor dem Wechsel an die weiterführende Schule, in unmittelbare Nähe des Detmolder Grabbe Gymnasiums.

Keine 10 Min. Fußweg! Nur 800m und eine große, übersichtliche Ampelkreuzung trennen meinen Sohn von der Schule unserer Wahl.

Perfekt….dachte ich…

Um meinem Kind, zumindest in der ersten Zeit, den Weg zur Schule zu erleichtern, brachte ich ihn (so war das zumindest ursprünglich geplant…) zu Fuß zur Schule.

Schon damals im August, bei allerbesten Lichtverhältnissen, schien mir die morgendliche Verkehrssituation gelegentlich recht brisant.

Aber durch beherztes und reaktionsschnelles Ausweichen vor den, bergab ganz beachtlich schnellen, Fahrradfahrern, auf sich anbietende kleine Mauervorsprünge und in schnell erreichbare Hauseinfahrten, konnte man diesen morgendlichen Expeditionen einen gewissen wachmachenden Adrenalinkick nicht absprechen.

Unter guten klimatischen Voraussetzungen, ausgeschlafen und im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Reflexe, erschien es mir zu diesem Zeitpunkt (Hochsommer!!) durchaus realistisch, dass mein Sohn den Schulweg bald alleine meistern könnte.

Nichtsdestotrotz entschied ich mich, natürlich nur vorläufig, sicherheitshalber den Weg zur Schule mit meinem ja ohnehin fälligen Morgenspaziergang der Hunde zu verknüpfen.

Mit zunehmender morgendlicher Dunkelheit, und nach einigen sehr unerfreulichen Abenteuern beschlossen wir den Schulweg lieber vorläufig mit meiner Autofahrt zur Arbeitstelle zu verbinden. Natürlich nur vorübergehend…..das war 2008 …und weil es ja auch „auf dem Weg“ liegt….

Inzwischen (Wir schreiben das Jahr 2014…) gestaltet sich die Abfahrt zur Schule nach einem streng festgelegten Regelwerk und ist natürlich absolut routiniert. Die kurze Strecke ist dadurch inzwischen definitiv angstfreier, wenn auch nicht unbedingt stressfreier geworden.

Der genaue Ablauf sieht folgendermaßen aus:

Vor dem Starten des Motors überprüfen wir kurz den Verbandskasten auf seine Vollständigkeit und gehen noch mal einige elementare Handgriffe der Ersten Hilfe am Unfallort durch.

Dann rollen wir langsam aus der Einfahrt und versuchen, bis heute erfolgreich, bis kurz vor der Schule den anderen Schülern des Grabbe Gymnasiums und der anderen umliegenden Schule auszuweichen.

Mein Sohn und ich sind mittlerweile ein gut eingespieltes Team. Während ich mich auf die verschlafenen Fußgänger konzentriere, warnt er mich vor den (von links überholenden!!) unbeleuchteten Fahrradfahrern.

Aber kurz vor der Schule müssen wir wirklich zu höchst Form auflaufen.

Denn nun wird die Situation richtig kritisch: Jetzt kommen nämlich (es sei mir als Frau verziehen) MÜTTER hinzu, die (vielleicht aus ähnlichen Beweggründen wie ich??) ihre Kinder zur Schule bringen.

Ein „Komplett-Ignorieren“ der dort in der Seminarstraße herrschenden RECHT-VOR-LINKS Verkehrsregel, gehört nur zu den Kleinigkeiten. Da dies auch AUSNAHMSLOS alle   Fahrradfahrer so halten, gehört das eigentlich zu den wirklich gut zu kalkulierenden Risiken.

Richtig spannend wird es dadurch, dass besonders eilige Angehörige regelmäßig auf der ohnehin engen und beidseitig zugeparkten Straße vor der Schule IN ZWEITER REIHE PARKEN.

Unglaublich aber wahr, auch das ist morgens um 7.30 h in der Seminarstraße noch zu toppen. Diverse Eltern, die nach der Ablieferung ihrer eigenen Sprösslinge schnell noch für die eigene Frühstückspause etwas Leckeres einkaufen möchten, parken nun ihre Autos schnell vor der nahgelegenen Bäckerei „Engel“. AUF dem Fahrradweg!!!

Wenn wir es dann an der, wie kann es anders sein, ZUGEPARKTEN Feuerwehreinfahrt der Schule vorbeigeschafft haben und einen völlig legalen und sicheren Parkplatz in der Nebenstrasse gefunden haben, werden wir selber auch kurz zum Risikofaktor, da mein Kind dann stets die Beifahrertür aufreißt und seine komplette Schulausrüstung, völlig unselektiert, auf den Gehweg feuert.

Schweißgebadet, aber auch irgendwie stolz, fahre ich im Schritttempo die Strecke sicherheitshalber noch mal ab, um nach verletzten Überlebenden Ausschau zu halten.

Um die Weihnachtszeit herum dachte ich morgens tatsächlich schon mehrfach ein sichtlich angespanntes und nervös mit den Flügel schlagendes „Flugobjekt“ direkt über dem Gymnasium schweben zu sehen…. Aber, wie lange kann das EIN Schutzengel alleine das noch schaffen?

 

Sofie

 

 

 

 

 

 

11 Einfach Liebe

Karin Kronreif - Mama
Karin Kronreif – Mama

Glücklich sehe ich einen Morgen,

auferstanden, ist der Tag von gestern.

Ich streiche über dein Gesicht

und Güte füllt Bilder der Nachsicht aus,

die ihre Muster in das Alter weben.

Keine Spuren einer Bitterkeit

wegen sinnlos gemachten Fehlern.

Neues Leben wächst und altes Leben bleibt,

wie ein leiser Morgenwind,

begrüßt uns die Verbundenheit.

Denn aus Liebe und Verstehen, ist eine Mutter,

die immer alles war

und wieder alles wird.

(Karin Kronreif)

 

Karin Kronreif

Karin Kronnreif bloggt seit 2014 unter dem Pseudonym Sugar…basierend auf einen Filmklassiker „Manche mögen’s heiß“.

Sie lebt in Wien und veröffentlichte 2015 zwei Bücher; das Kinderbuch „Im Land der roten Farben“ und den Lyrikband „Gedankenträume“.

„Schreiben ist die Möglichkeit das zu denken was du nicht sagen kannst und das zu lesen was du schreiben willst!“ Karin Kronreif

10 Mutterbilder

sylvia-hubele-tochter-und-mutter

 

Das Bild ist irgendwann im Frühjahr 1967 entstanden, vermute ich mal, als die letzten Schneereste noch lagen. Ich wurde im Oktober 1966 geboren, könnte auf diesem Bild ein halbes Jahr alt sein, vielleicht auch schon ein bisschen älter. So wichtig ist das auch nicht.

Eigentlich habe ich ein ganz anderes Mutterbild gesucht, eines, auf dem vier Mütter und fünf Töchter zu sehen sind. Es hängt bei meinen Eltern im Hausflur, immer, wenn ich dort bin, gehe ich daran vorbei und kann mich noch genau an den Tag erinnern, an dem es gemacht wurde.

Es zeigt eine Hollywoodschaukel, die lang genug ist, dass ein müder Mensch auf ihr seinen Mittagsschlaf halten kann, sie steht in dem kleinen Garten hinter dem Haus, das von meinen Urgroßeltern erbaut wurde. Ganz links auf der Schaukel sitzt meine Urgroßmutter, in Kittelschürze und mit weißen Löckchen, so, wie ich sie kennengelernt habe und sie immer noch in meiner Erinnerung ist. Sie war Jahrgang 1899, das fand ich als Kind besonders spannend, da sie damit gewissermaßen aus einem anderen Jahrhundert, einer längst vergangenen Zeit stammte. Als ich – vor nicht allzu langer Zeit – mal ein Foto von ihr sah, auf der sie als junge Frau mit ihrem Mann und den Kindern zu sehen war, habe ich sie zunächst nicht erkannt. Zu anders sah die Urgroßmutter auf diesem Bild aus und entsprach nicht dem Bild, das ich von ihr in meiner Erinnerung mit mir trage.

Zwei Kinder bekam die Urgroßmutter, ein Mädchen und einen Jungen und eines davon sitzt auf dem Foto neben ihr: Meine Oma. Geboren 1925, war sie 1945 schon 20 Jahre alt und verheiratet, wenn auch zu dieser Zeit noch ohne Kind. Von ihrem Bruder jedoch fehlt jede Spur, nein, das stimmt nicht ganz: Seine letzte Postkarte schrieb er noch kurz vor Berlin, erzählte die Urgroßmutter, danach kam nie wieder ein Lebenszeichen. Leider auch keine Todesmeldung. Übrig blieb die Tochter. Die Urgroßmutter passte auf, dass diese wartete, bis ihr Mann aus italienischer Kriegsgefangenschaft nach Hause kam. Dabei bewunderte die Tochter die amerikanischen Soldaten, wie überhaupt alles, was aus dem Westen kam und war neidisch auf sämtliche Freundinnen, die sich einen GI angeln konnten, um mit diesem ins gelobte Land zu ziehen.

Statt dessen kam 1946 ihr Mann zurück, sie bekamen fünf Kinder, von denen meine Mutter die Älteste war. Während die Urgroßeltern in dem von ihnen gebauten Haus in der oberen Etage wohnten, lebten die Großeltern in der unteren Wohnung. Wäre der Bruder meiner Großmutter zurückgekehrt, hätte dieser im Haus gewohnt, nehme ich mal an. Da er nie wieder kam, durften die Großeltern dort wohnen. Ja, wie lebt man miteinander unter einem Dach, wenn die eigene Mutter immer wieder erzählt, wie sehr ihr der Sohn fehlt? Wie ist es, wenn man sich damit nur als zweite Wahl fühlen darf? Als Teenie lebte ich einige Jahre in einem Internat, das oberhalb von Berlin lag. Kam ich in den Ferien in das Urgroßeltern- und Großelternhaus, fragte mich die Urgroßmutter gelegentlich, ob ich denn nicht auf den Friedhöfen der Umgebung gucken könne, ob ihr Sohn dort begraben sei.

Wie schon erwähnt, meine Mutter war die Älteste von insgesamt fünf Kindern. Manchmal erzählt sie von dem, wie eng es früher so zuging, schließlich ist das Haus nicht sehr groß: Die exakt gleichen Wohnungen hatten Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer und ein Kinderzimmer. Das Klo war auf der halben Treppe, gebadet wurde im Keller in der Waschküche oder in dem kleinen Anbau, den die untere Wohnung hatte. Oma passte auf. dass ihr nichts entging und alles seine Richtigkeit hatte: Einmal wurde meine Mutter von Klassenkameraden nach Hause begleitet, da wartete Oma schon am Gartentor und schickte alle anderen Kinder weg: Hier hätten sie nichts zu suchen. Meine Mutter hielt sich lieber bei ihrer Oma auf, als bei ihrer eigenen Mutter, dort hatte sie ihre Ruhe, sowohl vor den Eltern, als auch vor den drei Schwestern und dem Bruder. Als sie ihr Abitur bestanden hatte, hätte sie gerne in einer anderen Stadt studiert, da sie jedoch die Älteste war, musste sie zu Hause wohnen bleiben und studierte das, was dort eben möglich war. Als künftige Lehrerin lernte sie meinen zukünftigen Vater kennen, wurde schwanger und mit 19 Jahren ebenfalls Mutter. Oben auf dem Bild, auf dem sie den Kinderwagen mit mir schiebt, könnte sie allerdings bereits 20 Jahre alt sein.

Auf dem Foto mit der Hollywoodschaukel sitzt meine Mutter in der Mitte, neben ihrer Mutter. Sie heiratete meinen Vater, noch bevor ich zur Welt kam, damals machte man das so und wenn man etwas Glück hatte und nicht zu große Ansprüche stellte, reichte das für ein ganzes Leben. Allerdings war der Start in das junge Familienglück nicht einfach. Beide studierten, hatten kein Geld und keine Wohnung. Mein Urgroßvater kaufte einen kleinen Ofen, stellte diesen in eine der beiden Dachkammern, die es im Haus gab und in der nur eine dünne Wand von den Ziegeln ein wenig die Kälte und Hitze fernhielt. Diese vielleicht 15 Quadratmeter wurden zur ersten Wohnung. Lange durfte sich allerdings meine Mutter ihrem Mutterglück nicht hingeben, ich sei in die Wochenkrippe zu verfrachten, damit das Studium zügig fortgesetzt werden könne, befand meine Großmutter. Obwohl meine Urgroßmutter interveniert hatte und bereit gewesen wäre, mich zu versorgen – so erzählt es meine Mutter wenigstens – musste ich montags in die Wochenkrippe und durfte freitags wieder nach Hause. An diese Zeit kann ich mich nicht erinnern, zum Glück, nehme ich mal an. Wenn meine Mutter davon erzählt, sagt sie, dass ich freitags keinen Piep mehr sagen konnte, einfach weil mich die Krippenerzieherinnen so lange schreien ließen, bis ich völlig heiser war.

Übrigens: Bis heute ist mein Verhältnis zu meiner Mutter eher, nunja, unterkühlt. Auch das Verhältnis meiner Töchtern zu ihr, immerhin ihrer Oma. Wer von diesen Frauen, die da so nebeneinander scheinbar einträchtig auf der Hollywoodschaukel sitzen, damit angefangen hat, die Töchter emotional auf Abstand zu halten und dafür die Söhne zu hätscheln und hofieren, das weiß ich nicht. Aber es hatte System.

Die vierte auf der Hollywoodschaukel, das bin ich und halte meine älteste Tochter im Arm, die damals noch ein Baby war, gerade ein halbes Jahr alt. Fünf Generationen, fünf Frauen. Ich habe versucht, Dinge anders zu machen als meine Mutter. Ob es mir immer geglückt ist, müssen später meine drei Töchter beurteilen. Leicht war es nicht, schließlich klebt vieles von der Mutter widerwillig ererbte hartnäckiger als Spinnweben an mir und bildet einen Kokon, aus dem ich mich im Lauf der Jahre nur mühsam befreien konnte. Gelegentlich entdecke ich immer noch Reste davon, und weiß nicht: Soll ich mit diesen jetzt Frieden schließen oder sie weiter eifrig abschrubben, solange, bis die Haut gerötet und entzündet ist?

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Links sitze ich neben meiner Mutter, in dem Sommer, der vor der Aufnahme mit den fünf Generationen lag. Viel zu sagen hatten wir uns nicht.

(Sylvia Hubele)

Sylvia Hubele

Sylvia Hubele ist inzwischen fast ein halbes Jahrhundert auf der Welt, hat drei Töchter, von denen nur noch die jüngste, die Lieblingshausziege, bei ihr wohnt.
Auf www.jaellekatz.de schreibt sie über das, was ihr begegnet, und aufwww.schreibreise.com über ihr Unterwegs-sein (wobei ihr oft die Zeit fehlt, das Gesehene auch zu schreiben), außerdem schreibt sie viel für andere Webseiten, für Blogs, für Zeitungen.

09 Erziehung

Ein Beitrag von Gerda Kazakou zu den Tausend Mutterbildern.

GERDA KAZAKOU

Welch große Hoffnung setzen doch die Philosophen und sonstigen Nachdenklichen in die Erziehung! Aus dem Stande der Natur und der dunklen Instinkte soll sie die Kinder herausführen ins Licht der Vernunft und Tugend. Die Mütter hatten und haben weniger hohe Ziele. Ihnen genügt es meist, wenn die Kinder ihr Essen essen und ihre Hausaufgaben machen. Jedenfalls ist es so in den meisten griechischen Familien, die ich kenne. „Iss!“ sagt die Großmutter (γιαγιά) zum störrischen Kind, das die gesunde Mittelmeerkost, die die Oma so köstlich zu bereiten weiß, ablehnt. Junk food ist doch viel cooler. „Mach deine Hausaufgaben“ sagt die Mama, in Lockenwicklern und bemüht, ihren diversen Verpflichtungen nachzukommen, und hält dem widerstrebenden Knaben das Buch unter die Nase. Der aber hört den fröhlichen Lärm seiner Kumpane, die draußen Fußball spielen. Er wird sich von den Weibern nicht den Spaß verderben lassen. „Lass sie reden, lass sie schreien“, denkt er. „Irgendwann werden…

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